Deportation im April 1942: Der 12. „Osttransport”
Die erste große Deportation nach den Ausweisungen im Rahmen der „Polenaktion” findet in Cottbus im April 1942 statt. 36 Jüdinnen und Juden aus Cottbus werden nach Frankfurt (Oder) gebracht und von dort am 3. April mit dem 12. „Osttransport” deportiert. Dieser ab Berlin eingesetzte Sonderzug bringt insgesamt 1.009 Menschen in das Warschauer Ghetto. Unter ihnen sind etwa 366 Jüdinnen und Juden aus dem Regierungsbezirk Frankfurt (Oder). Im Warschauer Ghetto sind die Menschen Zwangsarbeit, Hunger und Elend ausgesetzt, viele kommen schon dort ums Leben.

Familie Stenschewski
Martha und Moritz Stenschewski ziehen zusammen mit ihren Kindern Josefine, Adelchen und Auguste 1923 nach Cottbus. Die Familie erwirbt das Haus am Schloßkirchplatz 3 und übernimmt die dort ansässige Fleischerei. Adelchen stirbt im April 1932 im Alter von 18 Jahren.
Moritz Stenschewski wird am 9. November 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Die Verhaftungen im Gefolge der Reichspogromnacht haben auch den Zweck, die jüdischen Geschäftsleute zur Aufgabe ihrer Läden zu zwingen. Kurz nach seiner Entlassung am 20. Dezember 1938 verkauft Moritz Stenschewski das Grundstück am Schloßkirchplatz.
1940 müssen die Stenschewskis in die Roßstraße 27 ziehen, in ein Haus der jüdischen Gemeinde. Am 13. April 1940 wird Auguste Stenschewski als „gemeingefährliche Geisteskranke” in die Landesanstalt nach Sorau gebracht. Im Sommer des gleichen Jahres wird sie erst nach Berlin-Buch und dann nach Brandenburg an der Havel verlegt, wo sie im Rahmen der Euthanasiemorde getötet wird. Die Eltern suchen verzweifelt nach ihrer Tochter, während der Mord an ihr von den Behörden verschleiert wird.
Moritz und Martha Stenschewski werden im April 1942 deportiert: Sie müssen in Frankfurt (Oder) in den aus Berlin kommenden 12. „Osttransport” steigen und werden ins Warschauer Ghetto gebracht. Vermutlich kommen sie dort ums Leben.

Siegfried Bernstein (1888 bis 1942)
Der spätere Pianist Siegfried Bernstein kommt als 11-Jähriger mit seiner Familie nach Cottbus. Sein Vater Simon Bernstein ist Kantor der jüdischen Gemeinde. Die Familie wohnt in einem Haus der Synagogengemeinde in der Roßstraße 27.
1916 heiratet Siegfried Bernstein. Seine Frau Anna und er bekommen eine Tochter, Liselotte. 1935 wird Siegfried Bernstein aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen, dies kommt einem Berufsverbot gleich. Er ist nun auf die finanzielle Unterstützung der jüdischen Gemeinde angewiesen. Seine nicht-jüdische Frau Anna arbeitet als Näherin und ernährt so die Familie.
Siegfried Bernstein wird in der Reichspogromnacht verhaftet und kommt mit anderen jüdischen Männern aus Cottbus in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach seiner Entlassung am 15. Dezember 1938 versucht er nach Shanghai auszuwandern. Seine Ehe zerbricht, es kommt zur Scheidung.
Siegfried Bernstein gelingt die erhoffte Ausreise nicht. Am 3. April 1942 wird er mit dem 12. „Osttransport” ins Warschauer Ghetto deportiert. Seine letzte Station ist das Vernichtungslager Treblinka, das er nicht überlebt.
Familie Konschewski
Isidor und Minna Konschewski ziehen 1897 mit ihren Söhnen Bruno, Alfred und Hermann nach Cottbus. Isidor Konschewski arbeitet zunächst als Zigarrenhändler, bevor er ab 1905 eine Lederhandlung in Cottbus führt. Bruno und Alfred steigen in das väterliche Geschäft ein. 1913 kauft die Familie ein Haus in der Wallstraße 4, das auch zum Sitz der Lederhandlung wird. Inhaber sind nun die Brüder Bruno und Alfred. Ihr Vater zieht sich aus dem Geschäft zurück.
Bruno Konschewski wohnt seit 1921 mit seiner Frau Else in der Schulstraße. Ihre Tochter Ruth kommt zur Welt. Auch Alfred heiratet. Ihr Bruder Hermann steigt ebenfalls in das Familiengeschäft ein. In der Reichspogromnacht werden Bruno und Alfred Konschewski verhaftet. Beide überleben die Misshandlungen im Konzentrationslager Sachsenhausen nicht. Alfred stirbt am 19. Dezember 1938 noch im Konzentrationslager, Bruno im Cottbuser Krankenhaus kurz nach seiner Rückkehr.
Alfred Konschewskis Witwe, Pauline Luise, überlebt als Nicht-Jüdin die NS-Zeit und bleibt bis zu ihrem Tod 1968 in Cottbus. Ab 1941 wohnen Else, die Witwe von Bruno Konschewski, sowie Hermann und seine Frau Herta-Irene gemeinsam in der Wallstraße. Hermann arbeitet nun als Schuhmacher in einer Fabrik. Während Ruth, die Tochter von Bruno und Else, nach England auswandern kann, werden Else, Hermann und Herta-Irene Konschewski am 3. April 1942 über Frankfurt (Oder) ins Warschauer Ghetto deportiert und kommen dort ums Leben.


