Ausweisungen im Oktober 1938 – die „Polenaktion”
Ende Oktober 1938 lässt das nationalsozialistische Regime in einer ersten Massendeportation circa 17.000 im Deutschen Reich lebende Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit ausweisen. Ihre Verhaftung trifft die Menschen vollkommen unvorbereitet. Sie dürfen nur wenig Gepäck mitnehmen und werden unter Bewachung von der Deutschen Reichsbahn an die deutsch-polnische Grenze transportiert, die meisten von ihnen in die Grenzstadt Bentschen. Viele der Frauen, Männer und Kinder sitzen zunächst im Niemandsland fest, bevor in Bentschen ein Auffanglager entsteht.
Von der „Polenaktion” sind auch 32 Menschen aus Cottbus betroffen, die am 28. Oktober 1938 nach Bentschen gebracht werden. Ein weiterer Transport mit zwei Personen folgt einen Tag später. Die Betroffenen müssen sich nun ohne ihre Habe und mit wenigen finanziellen Mitteln durchkämpfen. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges im September 1939 geraten viele der zuvor Ausgewiesenen wieder unter nationalsozialistische Herrschaft. Nur wenige überleben die Ghettos und Vernichtungslager.
„Nach Abschiebung der Juden haben sich nunmehr Schwierigkeiten in der Verwaltung ihrer Haushalte und Geschäfte ergeben. Die Grundstücksbesitzer treten an die Ortspolizeibehörde heran wegen Bezahlung der Mieten und die Post wegen der Fernsprechgebühren. Ebenso drängen die Städtischen Werke auf Bezahlung der bis zum Abschiebetermin verbrauchten Mengen an Strom, Gas und Wasser.”
Aus einem Bericht der Ortspolizeibehörde Cottbus vom 3. November 1938 an den Regierungspräsidenten in Frankfurt (Oder). Quelle: Stadtarchiv Cottbus
Familie Czerner
Anna und Israel Czerner leben mit ihren drei Kindern Rudi (*1920), Harri (*1923) und Edith (*1925) in Cottbus. Israel Czerner stirbt 1936. Anna Czerner versucht die Familie zunächst als Weinverkäuferin zu ernähren. Ihrem Sohn Rudi gelingt im September 1936 die Auswanderung nach Palästina.
Anna Czerner findet eine Anstellung bei der jüdischen Firma Kaczka. Am 28. Oktober 1938 werden Anna, Harri und Edith Czerner im Rahmen der „Polenaktion” nach Bentschen ausgewiesen. Sie leben zunächst in Krakau. Anna Czerner steht brieflich mit dem jüdischen Rechtsanwalt Hammerschmidt in Kontakt, den sie mit ihren Angelegenheiten in Cottbus betraut hatte. In kurzen Abständen bittet sie ihn um die Zusendung von Geld, dringend benötigten Kleidungsstücken und Unterlagen. Ab Mitte Juni 1939 ist Lemberg der Absendeort ihrer Nachrichten. Nach der Besetzung Lembergs durch sowjetische Truppen Mitte September 1939 verliert sich ihre Spur.



